Vor einem halben Jahrhundert.
Damals, als die Wassermassen kamen
Im Sommer 1975 wurde die Region von einem zerstörerischen Jahrhunderthochwasser erfasst. Hier wird in Erinnerung gerufen, was sich vor 50 Jahren in Langenthal und in den Gemeinden im oberen Langetental zugetragen hat.
Text: Daniel Gaberell, Stadtchronist Langenthal
Datum: 19. August 2025
In der Nacht vom 29. auf den 30. August bildeten sich am Ahorn eine Gewitterzelle und fast gleichzeitig bei der Hochwacht eine zweite. Innerhalb einer Stunde wurden dort 50 Millimeter Niederschlag gemessen – einer der höchsten Werte, die bis dahin im zentralen Mittelland registriert wurden.
Zunächst deutete jedoch alles auf ein normales Gewitterhochwasser hin. Die Polizei begann zusammen mit der Feuerwehr, die Strassen in Langenthal abzusperren, während die Mitarbeitenden des Werkhofs die 25 massgeschneiderten Holzstege aus dem Depot holten. Die Abläufe waren gut eingespielt; man hatte Übung, da solche Ereignisse jedes Jahr mehrmals vorkommen. Die betroffenen Anwohnerinnen und Anwohner dachten, dass es sicher nicht wieder so schlimm werden würde wie vor drei Jahren, und begannen, ihre Türen mit Brettern und Sandsäcken abzudichten. Tatsächlich waren ihre Vorkehrungen mehr als berechtigt – denn es kam diesmal viel schlimmer.
Um 2.15 Uhr erreichte die Wasserflut in Huttwil ihren Höchststand und begann, die Dörfer im Langetental zu überfluten. In Madiswil vereinigte sich die Langete mit dem Dorfbach und schwemmte Ackerflächen metertief weg. In Lotzwil strömte das Wasser um 3.30 Uhr etwa einen Meter hoch durch die Hauptstrasse, setzte Keller sowie Parterrewohnungen unter Wasser und riss parkende Autos mit sich.
Dann erreichten die Wassermassen Langenthal. Alle Schieber waren geöffnet, ein reissender Fluss zog im Dunkeln durch das Städtchen in Richtung Bahnhofunterführung. Doch der Notablass konnte das Wasser nicht aufnehmen. Erbarmungslos überflutete die Langete auch Aussenquartiere und vermischte sich mit auslaufendem Heizöl.
Zwei Kompanien der Luftschutztruppe Wangen eilten zur Hilfe – in Langenthal ging wenig bis gar nichts mehr. Das Katastrophengebiet war so gross wie nie zuvor; es erstreckte sich von der Rumimatte bis zur Murgenthalstrasse. Die Zeit hatte nicht gereicht, um die Holzstege zu montieren; rückblickend kann man sagen, dass dies ein Glücksfall war, denn sie wären allesamt weggeschwemmt worden.
Am Samstagvormittag liessen die Wassermassen nach, und in den folgenden Stunden und Tagen wurde das Ausmass dieses Jahrhunderthochwassers deutlich sichtbar. Es gab keinen Personenschaden – das war die gute Nachricht. Alles andere jedoch war eine Katastrophe: 60 Millionen Franken Schaden, wochenlange Aufräumarbeiten und Angst vor weiteren Hochwassern prägten die Situation. Der Entlastungsstollen wurde im Juni 1992 eröffnet. Von da an war die Zeit des «Klein-Venedigs» in Langenthal vorbei. Doch geblieben ist ein gewisser Stolz der Langenthalerinnen und Langenthaler auf diese frühere Besonderheit ihrer Heimat – aber auch der Schrecken an die frühen Morgenstunden des 30. August vor 50 Jahren.
Hinweis: Immer freitags publiziert der Stadtchronist auf Instagram eine kurze Episode über die Geschichte Langenthals. – @stadtchronist
Quellen:
Jürg Rettenmund (BZ, 28.8.2015) / Simon Kuert (Langenthal, 2022) / Daniel Gaberell (Langenthal – Eine Heimat im Wandel, 2003)
Farbfotos:
Willy Jost (www.willyjost.ch)
S/W-Fotos:
zvg
Schlagworte: Hochwasser, Jahrhunderthochwasser, Langete, Stadtchronist