Hoffnungen ruhen jetzt auf Motion im Grossen Rat.
Der Kampf für den Erhalt der Geburtenabteilung geht weiter
Nach der überraschenden Ankündigung der Schliessung der Geburtenabteilung am Spital Langenthal per Ende September 2025 reagierte die Stadtregierung, stellte ein konkretes Lösungspaket zusammen und reichte dieses dem Verwaltungsrat der SRO AG ein. Ohne Erfolg, wie sich nun zeigt: Die Verantwortlichen halten an ihrem Schliessungsentscheid fest. Jetzt ruhen die Hoffnungen auf einer überparteilich breit abgestützten Motion auf kantonaler Ebene.
Text: Patrick Jordi
Datum: 11. August 2025
Im Rahmen eines Mediencafés informierte die Stadt Langenthal am Freitagnachmittag, 8. August, über ihre bisherigen und künftigen Schritte gegen die angekündigte Schliessung der Geburtenabteilung am Spital Langenthal (SRO AG). Anwesend waren nebst Stadtpräsident Reto Müller (SP) auch Gemeinderätin Martina Moser (SP) sowie die beiden Gemeinderäte Martin Lerch und Patrick Freudiger (beide SVP). Gemeinsam betonten sie die Bedeutung der Geburtshilfe für die Region – und ihren Willen, weiterzukämpfen.
Was bisher passiert ist – eine kurze Chronologie
Am 30. Juni 2025 informierte der Verwaltungsrat der SRO AG die Stadt Langenthal überraschend über die geplante Schliessung der Geburtenabteilung per Ende September. Nur Stunden zuvor war die Einladung zur abendlichen Informationsveranstaltung eingetroffen. Drei Tage später bildete der Gemeinderat einen Ausschuss, der rasch aktiv wurde: Am 8. Juli fanden erste Gespräche mit Hebammen, Frauenärztinnen sowie dem Ausschuss statt. Tags darauf traf man sich mit Vertretern des SRO-Verwaltungsrats und der Direktion.
Drei Lösungsvorschläge
Am 10. Juli verabschiedete der Gemeinderat ein Paket mit drei Unterstützungsangeboten für den Erhalt der Geburtshilfe:
- Einmaliger Kredit von 150’000 Franken im Sinne eines Projektbeitrags zur Entwicklung einer nachhaltigen Nachfolgelösung (z. B. Sicherung des bestehenden Angebots oder Aufbau eines alternativen mit der Stiftung Geburt 3000 – siehe nachfolgend), unter der Bedingung einer Sistierung der Schliessung der Geburtenabteilung bis Ende Juni 2026.
- Erweiterte finanzielle Beteiligung im Sinne von Punkt 1, abhängig von einem Stadtratsbeschluss – mutmasslich getragen von breiter politischer Unterstützung.
- Darlehensangebot ohne genaue Betragsnennung, das dem Spital finanziellen Spielraum verschaffen sollte. Der Gemeinderat signalisierte Bereitschaft zur Unterstützung, legte sich jedoch bewusst weder auf eine konkrete Summe noch auf Modalitäten fest. Auch bei diesem Lösungsvorschlag, der als alternativer Ansatz zu den beiden Hauptansätzen ins Spiel gebracht worden war, wäre die Entscheidungskompetenz letztlich vermutlich beim Stadtrat gelegen.
Als mögliche Nachfolgelösung wurde etwa ein Modell mit der im Aufbau befindlichen Stiftung Geburt 3000 ins Spiel gebracht, die hebammengeleitete Geburtshilfe fördern will. Mehr Infos: https://www.geburt3000.ch.
«Der Gemeinderat wollte sich zusätzlich dafür einsetzen, dass sich weitere Gemeinden und regionale Körperschaften oder Akteure seinem Vorgehen anschliessen, so hätte auch der Gesamtbetrag der Unterstützung erhöht werden können. Erste Sondierungen waren erfolgt», machte Gemeinderat Patrick Freudiger klar, der die drei Lösungsvorschläge anlässlich des Mediencafés genauer erläuterte.
Der Verwaltungsrat bleibt bei seiner Entscheidung
Schliesslich, am 29. Juli, kam die Antwort des SRO-Verwaltungsrats: Die Entscheidung zur Schliessung werde nicht rückgängig gemacht. Auf die Angebote der Stadt wurde nicht substanziell eingegangen (vgl. Interview ganz unten). Stadtpräsident Reto Müller äusserte sein Bedauern über die mangelnde Gesprächsbereitschaft und hob hervor, dass Langenthal seine kommunalen Möglichkeiten ausgeschöpft – wenn nicht sogar übertroffen – habe.
Was sonst noch geschah
33 von 40 Stadträtinnen und Stadträten unterzeichneten einen offenen Brief gegen die Schliessung. Parallel läuft eine Online-Petition, die inzwischen über 12’300 Unterschriften gesammelt hat. Auch wenn diese rechtlich unverbindlich ist, sei sie ein starkes Zeichen aus der Bevölkerung, so Gemeinderätin Martina Moser: «Geburt ist ein prägendes Erlebnis – sie verdient eine qualitativ hochwertige und wohnortsnahe Betreuung.»
Hoffnungen ruhen auf Motion im Grossen Rat
Am 14. Juli wurde im Grossen Rat des Kantons Bern eine breit abgestützte, parteiübergreifende Motion eingereicht – unterzeichnet von 16 Grossrätinnen und Grossräten, angeführt vom Langenthaler SVP-Grossrat und Gemeinderat Martin Lerch als Erstunterzeichner.
Dieser betont, der Vorstoss sei von Vertreterinnen und Vertretern aus allen acht im Grossen Rat vertretenen Parteien aus verschiedenen Regionen unterzeichnet worden. «Das gelingt eher selten und erhöht den Druck, weil die Motion so Chancen hat, eine Mehrheit zu erhalten», weiss Martin Lerch.
Die Motion fordert den Regierungsrat – zusammengefasst – zu sechs konkreten Massnahmen auf:
- Erarbeitung und Präsentation einer Gesamtstrategie zur Spitallandschaft im Kanton Bern (mit besonderem Fokus auf Geburtenabteilungen).
- Gegenüberstellung von Ist-Zustand und Soll-Zustand: Welche Leistungen sollen künftig wo angeboten werden?
- Detaillierte Darstellung der Situation der Geburtenabteilungen – unter betriebswirtschaftlichen, gesundheitspolitischen und regionalpolitischen Aspekten.
- Frühzeitiger Einbezug der Standortgemeinden bei künftigen Entscheidungen («Betroffene zu Beteiligten machen»).
- Bessere Zusammensetzung der Spital-Verwaltungsräte, insbesondere mit Blick auf regionale Verankerung, fachliche Breite und Geschlechtervertretung.
- Sistierung von Schliessungen und Spitallistenanpassungen, bis die Strategie vom Grossen Rat behandelt wurde.
Die Dringlichkeit der Motion ist ausdrücklich beantragt. Ziel ist es, voreilige, isolierte Abbauschritte zu stoppen, bis eine gesamtheitliche Planung vorliegt.
Ein Hoffnungsschimmer bestehe also noch, dass die Schliessung der Geburtenabteilung am Spital Langenthal abgewendet werden könne, meinten die anwesenden Gemeinderäte sowie der Stadtpräsident anlässlich des Mediencafés.
Zum Timing des Vorstosses: Unklar ist, ob die Motion bereits in der Septembersession aufs Tapet kommt – eine so rasche Behandlung wäre unüblich. Wahrscheinlicher ist eine Behandlung in der Wintersession Anfang Dezember. Dennoch hofft man in Langenthal, dass die Gesundheits-, Sozial- und Integrationsdirektion (GSI) schnell handelt und so eine Traktandierung im September möglich wird.
Martin Lerch präzisiert in diesem Zusammenhang wie folgt: Der Gemeinderat suche nun als nächsten Schritt das Gespräch mit der zuständigen Direktion (GSI und Regierungsrat Pierre Alain Schnegg). «Je nach Ergebnis könnte auch noch beim Gesamtregierungsrat interveniert werden. Dies mit dem Ziel, den Vorstoss so rasch wie möglich auf die Tagesordnung des Grossen Rates zu setzen und über die Zielsetzungen der Motion im Rat rasch abstimmen zu lassen», so Lerch. Gefordert wird ein Marschhalt, bis die Gesamtstrategie vorliegt, beziehungsweise der Verzicht auf Anpassung der Spitalliste bezüglich SRO Langenthal, bis der Grosse Rat von der Gesamtstrategie Kenntnis genommen hat.
«Die Angebote des Gemeinderats lösen das Problem nicht»
Kurzinterview mit Daniel Schmid, Verwaltungsratspräsident der SRO AG, zu den Lösungsvorschlägen des Langenthaler Gemeinderats – und weshalb diese Angebote beim Verwaltungsrat der SRO AG zu keinem Umdenken geführt haben.
Daniel Schmid, können Sie den Erhalt der gemachten Lösungsvorschläge des Langenthaler Gemeinderats bestätigen?
Am 9. Juli wurde an einem persönlichen Treffen der Gemeinderatsdelegation die Schliessung der Geburtsabteilung im Detail erläutert. Daraus erfolgte unter anderem der Lösungsvorschlag der Gemeinde Langenthal, welchen wir am 14. Juli erhalten haben (vgl. Artikel oben).
In welcher Form hat der Verwaltungsrat der SRO AG auf die Lösungsvorschläge des Gemeinderats reagiert? Was können Sie über den Inhalt Ihrer Antwort an den Gemeinderat sagen?
Ich selbst und SRO-Direktor ad interim Rolf Hayoz haben am 28. Juli schriftlich auf den offenen Brief Stellung bezogen.
Aus welchen Gründen mussten Sie dem Gemeinderat eine abschlägige Antwort erteilen? Oder anders gefragt: Warum waren die gemachten Lösungsvorschläge aus Sicht des Verwaltungsrats nicht zielführend?
Der Verwaltungsrat hat über längere Zeit verschiedene Varianten und mögliche Partnerschaften mit anderen Spitalgruppen und privaten Anbietern geprüft – unter anderem das Konzept der «Geburt3000» – und ist zum Schluss gekommen, dass keine der geprüften Alternativen das fundamentale Problem einer zu tiefen Anzahl Geburten lösen kann.
In den vergangenen Jahren hat sich die Anzahl der Geburten laufend reduziert. Die demografische Entwicklung zeigt schweizweit einen Rückgang der Geburtenrate (2022: 82’351; 2023: 80’024; 2024: 78’256; Quelle: Bundesamt für Statistik), was zu einer regionalen Konzentration der Geburtenabteilungen führt. Im Jahr 2024 kamen in Langenthal rund 550 Kinder zur Welt. Durch die fehlende Menge an Geburten entsteht der SRO AG pro Jahr ein Verlust zu Vollkosten von über zwei Millionen Franken – Tendenz steigend. Der Grund für den Verlust sind die hohen Vorhalteleistungen im Bereich der ambulanten und stationären Geburtshilfe, welche mit den aktuellen Fallpauschalen bei weitem nicht gedeckt werden.
Im Falle von Komplikationen während der Geburt muss 24 Stunden an 365 Tagen ein Notfall-Team bestehend aus Hebammen, Operateurin oder Operateur, Anästhesieärztin oder Anästhesiearzt sowie Anästhesiepflege und OP-Pflege vor Ort bereitstehen. Die entsprechenden Kosten sind erst ab etwa 900 bis 1’000 Geburten pro Jahr tragbar.
Auch die drei Unterstützungsangebote des Langenthaler Gemeinderats lösen dieses Problem nicht. Die finanzielle Unterstützung steht in keinem Verhältnis zu unseren jährlichen Verlusten von über zwei Millionen Franken, weshalb das Angebot nicht in Frage kommt.
Im Weiteren obliegt die Verantwortung über die Spitäler dem Kanton Bern und nicht den Gemeinden. Eine Vermischung der Finanzierung einzelner Teilbereiche ist nicht zielführend. Der Kanton Bern ist für die finanzielle Unterstützung der auf der Spitalliste stehenden Fachgebiete und Spitalleistungen zuständig. Insbesondere gilt dies für nicht kostendeckende gemeinwirtschaftliche Leistungen.
Unternehmerische Entscheide liegen in der Verantwortung der entsprechenden Gremien, insbesondere des Verwaltungsrats. Diese werden und müssen allein getragen werden. Der Verwaltungsrat hat den Entscheid mit dem Eigner vorbesprochen. Der Eigner – der Kanton Bern, vertreten durch den Regierungsrat – ist mit der Wahl der Variante einverstanden und trägt diese mit.
Interview: Patrick Jordi
MYLA-Hinweis zur Transparenz:
Der Autor dieses Artikels ist nicht nur Lokaljournalist, sondern auch Mitglied des Langenthaler Stadtrats (FDP) und hat den im Beitrag erwähnten offenen Brief mitunterzeichnet. Er legt Wert darauf, seine journalistische Arbeit strikt von seiner politischen Tätigkeit zu trennen und eine faire, ausgewogene Berichterstattung sicherzustellen, welche die Argumente aller Beteiligten angemessen berücksichtigt.
Schlagworte: Geburtenabteilung, Geburtshilfe, Gemeinderat, Gesundheit, Gesundheitsversorgung, Lokalpolitik, SRO, SRO AG, Stadtrat