Burgergemeinde Langenthal.
«Der Wald braucht unsere Achtung»
Wer pflegt eigentlich unseren Wald? Und warum sieht es nach einigen Holzeingriffen so «wüst» aus – zumindest fürs ungeübte Auge? Ein Gespräch mit Helene Jäggi-Rufener und Fabien Treichler über Verantwortung, Rücksicht und die unsichtbare Arbeit hinter dem Naherholungsraum.
Text: Patrick Jordi, PR / Bilder: Markus Jegerlehner
Datum: 29. September 2025
Seit 2018 besteht der Gemeindeverband Forst Oberaargau. Was sind die Vorteile?
Fabien Treichler: Die Zusammenarbeit bringt klare Synergien. Früher hatten die Burgergemeinden Langenthal und Roggwil eigene Forstbetriebe – heute nutzen wir Maschinen und Fachpersonal gemeinsam. Das spart Kosten und verbessert die Effizienz. Seit Anfang 2025 ist auch die Burgergemeinde Schwarzhäusern als Trägergemeinde dabei.
Welche Herausforderungen bringt der Verband mit sich?
Fabien Treichler: Als öffentlich-rechtliche Organisation ist der Verband manchmal etwas träge. Der Forstbetrieb ist zwar unternehmerisch unterwegs, aber Entscheidungen – etwa zu grösseren Investitionen – brauchen Zeit und müssen teils durch mehrere Burgerversammlungen.
Wie ist der Forstbetrieb personell aufgestellt und was wird im Bereich Ausbildung gemacht?
Fabien Treichler: Wir beschäftigen aktuell acht bis neun Personen, je nach Anzahl Lernender – dazu gehört auch die Verwaltung. Zurzeit haben wir zwei Lernende Forstwart EFZ, ab Sommer 2025 noch einen. Daneben unterstützen wir Weiterbildungen, etwa zum Vorarbeiter oder Forstwart-Maschinisten.
Wie viel Holz erntet der Gemeindeverband eigentlich?
Fabien Treichler: Im gesamten Verbandsgebiet wächst rund 11’000 Festmeter Holz pro Jahr nach. Davon sind in den letzten Jahren zwischen 7’500 und 9’000 Festmeter genutzt worden. Rund 41 Prozent dieser Menge entfällt auf das Gebiet der Burgergemeinde Langenthal. Ein Festmeter entspricht einem Kubikmeter fester Holzmasse.
Und was bedeutet das in Flächenangaben für die Burgergemeinde? Wie viel Wald besitzt man hier auf dem Gemeindegebiet von Langenthal?
Helene Jäggi-Rufener: Die Burgergemeinde besitzt rund 394 Hektaren von total 733 Hektaren Langenthaler Wald. Das heisst, rund 339 Hektaren entfallen auf andere Waldeigentümer wie Private oder die Stadt.
Wirft der Forst Oberaargau einen Gewinn ab?
Helene Jäggi-Rufener: Ja, im Schnitt erwirtschaftet der Betrieb aktuell rund 100’000 Franken Gewinn pro Jahr. Zwei Drittel davon bleiben im Forst, ein Drittel wird im Folgejahr anteilsmässig nach Waldfläche an die Verbandsgemeinden ausgeschüttet. Für die Burgergemeinde Langenthal ist das zwar nicht das Hauptstandbein, aber ein schöner Beitrag.
Welche Preise kann man aktuell mit dem Verkauf von Holz erzielen? Gibt es Trends?
Fabien Treichler: Im Schnitt erzielen wir rund 75 Franken pro Kubikmeter über alle Holzarten hinweg. Die Nachfrage ist aktuell gut – gerade wegen des Trends zu modularen Bauten mit lokalem Holz. Es lohnt sich, auch wenn der Baum an sich eigentlich viel mehr wert ist. Aber: Es geht nicht nur ums Geld. Holz ist unser einziger nachwachsender Rohstoff, und die Holzerei dient auch der Waldverjüngung und Pflege. Jeder Eingriff hat einen klaren Zweck – wir entnehmen nur, was für die Entwicklung des Waldes sinnvoll ist.
Nochmal nachgehakt: Wie wichtig ist das Forstgeschäft finanziell für die Burgergemeinde Langenthal?
Helene Jäggi-Rufener: Die Haupteinnahmen stammen klar aus Baurechten und Liegenschaften. Das Forstgeschäft war früher ein bedeutenderes Standbein. Heute ist es finanziell kleiner, aber emotional weiterhin sehr wichtig. Die Burgergemeinde steht klar hinter einer naturnahen, nachhaltigen Waldbewirtschaftung – mit Fokus auf Biodiversität und Dauerwald. Wirtschaftlichkeit ist wichtig, aber nicht das primäre Ziel.
Wie sieht eine moderne, nachhaltige Waldbewirtschaftung heute denn aus? Und was ist mit «Dauerwald» gemeint?
Fabien Treichler: Statt grosser Kahlschläge setzen wir auf kleinflächige Eingriffe und natürliche Waldverjüngung. Ziel ist, auf praktisch jeder Fläche eine Mischung aus kleinen, mittleren und grossen Bäumen zu haben – so bleibt der Wald auch bei Sturm oder Trockenheit stabil. Besonders wichtig sind dabei standortgerechte, klimafitte Baumarten.
Und was bedeutet in diesem Zusammenhang «naturnaher Waldbau»?
Fabien Treichler: Es geht darum, mit der Natur zu arbeiten statt gegen sie. Junge Bäume brauchen Sonnenlicht, wir greifen erst später ein und fördern die kräftigsten. Heute geht es nicht mehr nur um «schöne» Bäume, die der Holzverarbeitung entgegenkommen – sondern es geht eben vor allem um stabile, resiliente Bestände. Beobachten, verstehen und gezielt eingreifen – das ist der Kern.
Welche Rolle spielt der Naturschutz im Forstbetrieb?
Helene Jäggi-Rufener: Eine grosse. Die Forstmitarbeitenden achten auf geschützte Arten wie die Gelbbauchunke oder das Bachneunauge. Für die Unken wurden sogar eigene Tümpel angelegt. Alte Eichen mit Höhlen bleiben als Habitatbäume stehen. Auch beim Holzeinschlag wird Rücksicht genommen – von April bis Juli ist Brut- und Setzzeit, da ist regulärer Einschlag tabu. Nur zwingende Eingriffe wie etwa das Entfernen von Käferbäumen ist erlaubt.
Welche Arbeiten fallen im Jahresverlauf im Wald an?
Fabien Treichler: Die Hauptsaison für die Holzerei ist der Winter – bis etwa März oder Anfang April. Danach folgen Pflegearbeiten im Jungwald, Strassenunterhalt und Drittaufträge. Im Sommer überwachen wir den Wald auf Käferbefall, Pilze oder Trockenschäden – damit sich Probleme nicht ausweiten.
Warum sieht es nach Holzeingriffen im Winter stellenweise so «invasiv» aus – mit breiten Schneisen und herumliegenden Ästen? Manche Leute befremdet das.
Fabien Treichler: Wir verstehen diese Reaktionen, aber vieles hat praktische Gründe. Wir arbeiten im Winter, weil der Boden gefroren sein sollte – was heute leider oft nicht mehr der Fall ist. Die Maschinen brauchen Rückegassen alle 35 bis 50 Meter, um überhaupt fahren zu können. Dazwischen bleibt der Wald geschützt. Die Schneisen wirken im Moment vielleicht massiv, aber im darauffolgenden Herbst ist vieles schon wieder überwachsen. Es ist eine Momentaufnahme – und ganz sicher nicht mutwillige Zerstörung.
Warum bleibt so viel Holz und Astmaterial im Wald liegen?
Fabien Treichler: Das hat ökologische Gründe. Was früher als «unordentlich» galt, ist heute Lebensraum – für Kleintiere, Insekten und Pilze. Asthaufen bieten Schutz und tragen langfristig zur Humusbildung bei. Wir legen diese bewusst an. Liegt in einem naturbelassenen Wald kein Baum oder Ast am Boden? Der Wald muss nicht «aufgeräumt» aussehen, sondern funktionieren – als stabiles, naturnahes Ökosystem.
Der Wald ist ein beliebtes Naherholungsgebiet, in dem viele verschiedene Bedürfnisse aufeinandertreffen – wie geht die Burgergemeinde damit um?
Helene Jäggi-Rufener: Wir nehmen die unterschiedlichen Bedürfnisse sehr ernst. Jeder darf den Wald betreten, das begrüssen wir ausdrücklich. Gleichzeitig trägt die Burgergemeinde die Verantwortung für Pflege und Unterhalt des Waldes – nicht die Bevölkerung. Auch für die Sicherheit sind wir zuständig. Wichtig ist ein Miteinander, kein Gegeneinander. Statt Verbote zu erlassen, setzen wir auf Aufklärung und Sensibilisierung. Weiter bauen wir auf die Eigenverantwortung der Waldbesucher.
Was sollten Waldbesucher unbedingt beachten?
Helene Jäggi-Rufener: Der wichtigste Grundsatz ist, den Wald so zu verlassen, wie man ihn vorfindet. Bitte bleiben Sie auf den Wegen, hinterlassen Sie keinen Müll und stören Sie keine Wildtiere. Viele wissen nicht, dass Stress für Tiere auch den Wald schädigen kann: Wenn Wild unter Druck gerät, frisst es mehr Jungbäume, was unsere Pflege erschwert. Besonders wichtig ist es, Sperrungen während Holzschlägen unbedingt zu beachten – das dient Ihrer Sicherheit und hat auch rechtliche Gründe. Zudem bitten wir alle, keine Gartenabfälle oder Pflanzen im Wald auszusetzen, um die Ausbreitung invasiver Neophyten zu verhindern.
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Schlagworte: Burgergemeinde Langenthal, Wald