Kreuzhof Bar / Wyttenbach Coaching

Dreizehn Jahre Herzblut

Selma Wyttenbach (51) hat ihre geliebte Kreuzhof Bar in neue Hände übergeben und richtet ihren Blick gespannt nach vorne: Künftig widmet sie sich ganz ihrer Arbeit als ADHS-Coachin. Mit Rilind «Lindi» Jashari bleibt die «Chrüzi» dabei, was sie immer war – ein Ort der Begegnung.

15.01.2026 KREUZHOF BAR

Text: Patrick Jordi / PR
Datum: 2. März 2026

Bild: Dres Hubacher

Wer die obere Marktgasse hoch- oder runterläuft, verpasst sie leicht. Doch nur ein paar Schritte in die Kreuzhof-Passage hinein, weg von der Geschäftigkeit, öffnet sich ein stillerer Winkel des Ortskerns. Dort liegt die Kreuzhof Bar – von vielen liebevoll «Chrüzi» genannt. Zurückversetzt, unscheinbar, fast versteckt. Und genau hier hat Selma Wyttenbach dreizehn Jahre lang einen Ort geschaffen, der weit über Langenthal hinaus in Erinnerung bleibt.

Der Name der Bar geht zurück auf die frühere Wirtschaft Kreuz mit ihrem rückwärtigen Kreuzhof, die einst hier stand. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstand an diesem Ort eine neue Überbauung mit Geschäfts- und Wohneinheiten. In diesem Zuge wurde die Kreuzhof-Passage geschaffen – typisch für ihre Zeit, heute jedoch abgewandt von der Marktgasse und nicht mehr durchgehend belebt. Dass sich in einer versteckten Ecke dieser Passage eine Bar zur Institution entwickeln würde, war nicht absehbar. Und vielleicht genau deshalb möglich.

Schauspielschule oder Bar?

Bevor die Kreuzhof Bar überhaupt eine Idee war, befand sich Selma Wyttenbach in einer Phase des Innehaltens. Sie arbeitete Teilzeit als Biologielaborantin, war zweifache Mutter und spürte zunehmend, dass sie beruflich nicht mehr dort war, wo sie sein wollte. Die Arbeit im Labor liess wenig Raum für Kreativität, für Verantwortung, für Gestaltung. Sie funktionierte – mehr nicht. In dieser Lebensphase stellte sie sich grundlegende Fragen: Was sind meine Träume? Was will ich noch verwirklichen? Zwei Wünsche kristallisierten sich heraus – der Besuch einer Schauspielschule und die Eröffnung einer eigenen Bar. Mindestens einer davon sollte Realität werden.

Als sich das Lokal in der Kreuzhof-Passage anbot, fiel der Entscheid. Und so stand Selma Wyttenbach im Herbst/Winter 2012 vor einem leeren Raum. Kabel hingen von der Decke, praktisch alles war herausgerissen. Sie sass hinten auf der Treppe und fragte sich kurz, was sie da eigentlich tat. Dann begann das Gestalten. Mit beschränktem Budget, mit viel Eigenleistung, mit Freundschaftsdiensten. Gestrichen, eingerichtet, dekoriert. Vieles wuchs über Jahre, manches kam von Gästen, von Vereinen, von der Fasnacht. Die «Chrüzi» wurde ein Sammelsurium mit Geschichte – fast alles, was hier hängt, erzählt davon. Selbst zur Eröffnung war noch nicht alles bereit: Stühle fehlten, die Bühne war improvisiert. Also entwickelte sich die Bar gemeinsam mit ihren Gästen weiter.

Selma ist eine Macherin. Und eine Gastgeberin mit feinem Gespür. Von Anfang an entwickelte sie eine besondere Aufmerksamkeit für den Raum: dafür, wie sich Gruppen mischen, wann eingegriffen werden muss, wann man laufen lässt. Die Regel war klar und einfach: Man ist anständig miteinander. Diskriminierung hatte keinen Platz. Toleranz schon.

Ein schöner Mix an Menschen

Über die Jahre wurde die Bar so zu einem Ort der Durchmischung. Von links bis rechts, von jung bis alt, von studiert bis Büezer, von arm bis reich. Auch viele Frauen fanden hier ihren Platz. Für Selma waren es oft die stillen Momente, die am meisten sagten: wenn sie beim Rauchen kurz durchatmete und wusste, dass drinnen gerade ein schöner Mix an Menschen zusammensass. Begegnungen, wie sie in Grossstädten oft seltener geworden sind.

Es gab Phasen, in denen es sehr gut lief. Fette Jahre, in denen die Bar florierte. Und Zeiten, in denen man sich neu ausrichten musste. Nach einer Hochphase kam die Erkenntnis, dass nichts von selbst läuft. Dann Corona. Stillstand. Ungewissheit. Die «Chrüzi» durfte zeitweise nur draussen öffnen, improvisiert, im Zelt – und entwickelte dennoch ihren eigenen Charme. Nach der Pandemie folgte zunächst eine Hochstimmung, ein Nachholen, ein Überkonsum an Gesellschaft. Danach pendelte sich vieles wieder ein. Trotz schwierigem Umfeld, trotz Beizensterben.

Veranstaltungen wie die Mäntigs Bühni oder der Monday Jazz wurden feste Ankerpunkte. Werbung brauchte es nur bedingt. Die Kreuzhof Bar funktionierte über Mund-zu-Mund-Propaganda. Man musste sie kennen. Oder jemanden kennen, der sie kannte.

Ausbildung zur ADHS-Coachin

Der Gedanke ans Aufhören begleitete Selma schon länger. Nach und nach merkte sie, dass die Nächte länger wurden, die Energie kostbarer. Dass sie sich bewegen wollte – geistig, beruflich. Eine mehrmonatige Auszeit im vorletzten Jahr, allein unterwegs entlang der Küsten Norddeutschlands, in den Niederlanden, Belgien und Frankreich, brachte Klarheit. Zeit nur für sich. Zeit zum Nachdenken.

Parallel begann sich ein neues Feld zu verdichten. Aus einer ADHS-Thematik innerhalb der eigenen Familie heraus setzte sich Selma intensiv mit dem Thema auseinander, informierte sich, bildete sich weiter – und fand darin etwas, das sie nicht mehr losliess. Heute arbeitet sie mit Wyttenbach Coaching als lösungsorientierte Coachin, mit einem besonderen Fokus auf Jugendliche und junge Erwachsene mit ADHS. «Ich merke, dass ich einen guten Zugang zu den Jungen habe», sagt sie. «Vielleicht auch deshalb, weil ich selbst ADHS-Anteile kenne. Ich weiss, wie es sich anfühlen kann – und was es braucht.»

Kompetenzen aus der Bar fliessen dabei ganz selbstverständlich in ihre neue Tätigkeit ein: Empathie, Wahrnehmung, das Gespür für Menschen in herausfordernden Situationen. Kaum hatte die Lotzwilerin kommuniziert, dass sie die Bar abgibt, kamen vermehrt Coachinganfragen. Fast beiläufig. Fast folgerichtig.

Der Abschied aus dem Lokal erfolgte am 31. Januar, bewusst vor der Fasnacht. Der letzte Abend stand unter dem Motto «Schnaps und Tschüss». Die Bar war bis auf den letzten Platz gefüllt. Viele kamen, um Danke zu sagen, manche blieben lange, manche sagten wenig. Für Selma war es ein Abend voller Nähe, voller Erinnerungen, voller Dankbarkeit – und voller Emotionen. Mehr als einmal musste sie schlucken, ein paar Tränen verdrücken, weiterschwatzen mit langjährigen Gästen, sie nochmals dankbar umarmen.

Nun richtet sie den Blick nach vorne. Mit neuer Energie, offenem Geist – und mit der Überzeugung, dass gerade junge Menschen mit ADHS enormes Potenzial in sich tragen. Potenzial, das gesehen werden will.

Selma Wyttenbach hat die Kreuzhof Bar nach 13 Jahren an einen Nachfolger übergeben. – Bild: Marcel Bieri
Künftig widmet sie sich ihrer neuen Profession – dem Coaching. – Bild: Andrea Wullimann, zvg

So geht es weiter

Per Anfang Februar 2026 hat Rilind Jashari, von vielen «Lindi» genannt, die Kreuzhof Bar übernommen. Er ist seit Jahren Stammgast, kennt das Lokal, die Gäste und den Geist des Ortes. Das bewährte Konzept soll bestehen bleiben, ebenso Formate wie die Mäntigs Bühni, der Monday Jazz und die Aktivitäten an der Fasnacht. «Lindi» wurde in den letzten Monaten eingearbeitet, hat das Wirtepatent erworben und startet mit einem eingespielten Team. Die «Chrüzi» bleibt vertraut, offen – und bewusst ein wenig versteckt.


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