Kleinstadt-Absurditäten

Gleis, Schutt und Liebe

Die aktuelle Kolumne von Slam-Poet und Künstler Valerio Moser – aus dem Stadtmagazin MYLA, Ausgabe Dezember 2025.

Kulturzentrum_und_Restaurant_C hrämerhuus_in_Langenthal1

Text: Valerio Moser
Datum: 10. Dezember 2025

Langsam wird’s was mit dem Bahnhof. Sicher war ich mir ja nicht. Dafür, dass der Bahnhof umgebaut wird, damit er irgendwann barrierefrei ist, war er zwischenzeitlich eine einzige Barriere. Wie oft hätte ich fast den Zug verpasst, weil ich zuerst herausfinden musste, auf welcher Seite der Post es einen Durchgang gibt und ob die Terrasse vom Dogan’s passierbar ist, oder ob der Weg über die Fahrradständer doch schneller wäre.

Geholfen haben mir bei der Suche jeweils die wunderbaren, handgesprayten Pfeile und Schilder, die mir in grellem Pink in die Augäpfel leuchteten.

Nicht zu vergessen, die vollgesprühte Säule in der Unterführung. Das ist wahre Kunst! Da muss man einfach auch mal Lob aussprechen – für die Person aus dem Bauteam, die dieses Ämtli gefasst hat und sich gewissenhaft kreativ darum kümmerte.

Leise hoffe ich ja noch immer, dass all diese pinke Signaletik eigentlich eine Guerilla-Ausstellung des Kunsthauses ist. Bald gibt’s in der Unterführung die offizielle Vernissage mit Apéro. Ich wäre dabei!

Die Lifte laufen nun bereits eine Weile, die zwei Extraminuten für wie Wegfindung habe ich routiniert eingeplant, und so langsam lässt sich erkennen, was aus unserem Bahnhof wird. Schade. Irgendwie habe ich mich an die Baustelle gewöhnt. Regelrecht lieb gewonnen habe ich sie.

So sehr, dass ich ein bisschen hoffe, dass die Bauleitung bald verkündet: «Sodeli, Langenthal, das ist er, euer Bahnhof! Ich weiss, sieht noch nicht fertig aus, da stehen überall noch stabilisierende Stützen und Absperrungen und Schutthaufen, und das Loch ist auch noch nicht gefüllt, aber genau so steht’s in unseren Plänen. Das war die Vision. Das habt ihr gekauft. Moderne Architektur. Viel Spass damit». Nur, um uns dann mit der nicht fertigen Baustelle alleine zu lassen.

Aber klar, ich freu mich auch auf den neuen Bahnhof ohne pinke Sprayereien, ohne Umwege und Bauschutt. Bis dahin bleib’ ich gespannt, was für Überraschungen mich auf meinen Wegen zu den Geleisen noch erwarten werden.

Bild: Steve Zeidler / zvg

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