SRO AG – Neuer Operationsroboter.
«Ich gebe den Roboter nicht mehr her»
Leise Summtöne und Piepsgeräusche, bewegliche robotische Arme und absolute Präzision: Im OP-Saal steuert Dr. med. Thomas Kinsbergen den neuen Operationsroboter DEXTER – und eröffnet damit am Spitalstandort Langenthal eine neue Ära der Chirurgie.
Text: Patrick Jordi, PR / Fotos: zvg
Datum: 30. November 2025
Mittwochmorgen im Oktober. Ein Patient liegt bereit zur Leistenbruchoperation. Neben dem OP-Tisch ragen zwei weisse, mit sterilem Plastik überzogene robotische Arme über den Patienten – beweglich wie die Gelenke eines Menschen, aber noch präziser. Am Rand des Saals sitzt Dr. med. Thomas Kinsbergen, barfuss an den Pedalen, die Finger an filigrane Joysticks gelegt, den Blick auf einen hochauflösenden 3D-Bildschirm gerichtet. «Ich will jedes Detail spüren», sagt er. Was auf dem Monitor erscheint, ist fast surreal: winzige Äderchen, Faszien, Strukturen in extremer Schärfe. Kinsbergen führt den Eingriff ruhig, konzentriert – millimetergenau. Der Roboter ist sprichwörtlich sein verlängerter Arm.
Ein Meilenstein in der Regionalchirurgie
Seit Juni 2025 operiert die Chirurgische Klinik des SRO bei ausgewählten Eingriffen mit dem Operationsroboter DEXTER der Lausanner Firma Distalmotion – als eines von nur wenigen Regionalspitälern der Schweiz. «Wir sind Teil einer einmaligen Zusammenarbeit mit dem Entwicklerteam», erklärt Kinsbergen, stellvertretender ärztlicher Direktor und Leiter der Viszeralchirurgie. In Langenthal wird der OP-Roboter im Rahmen einer klinischen Partnerschaft eingesetzt – mit dem Ziel, robotische Chirurgie im Regionalspital-Alltag weiter zu etablieren und wissenschaftlich zu begleiten.
Das robotische Operationssystem wird in der Schweiz entwickelt und produziert. «Das war für uns entscheidend», sagt Kinsbergen. «Wir wollten kein importiertes Hightech-System, sondern ein Gerät, das in Reichweite der Entwickler steht und sich in einem Schweizer Spitalalltag bewähren kann.»
Präzision, Ergonomie und Sicherheit
Die Vorteile zeigen sich schon nach wenigen Monaten: Die Operateure arbeiten ergonomischer, sitzen entspannt statt stundenlang zu stehen – und können dank der 3D-Kameratechnologie mit Vergrösserung und räumlicher Sicht präziser operieren. Die Instrumente lassen sich in alle Richtungen schwenken, was die Beweglichkeit des menschlichen Handgelenks übertrifft.
«Ich habe kein direktes Tastgefühl wie bei einer herkömmlichen Operation», erklärt Kinsbergen, «aber durch die Erfahrung spüre ich trotzdem, wie sich das Gewebe verhält. Das ist instinktiv.» Die Kamera kann er selbständig führen – ohne Assistent –, was die Konzentration steigert und Fehlerquellen minimiert.
Der Mensch bleibt trotz allem der Entscheider: «Der Roboter führt aus, aber der Chirurg denkt. Bis Maschinen selbständig operieren, vergehen Jahrzehnte», betont Kinsbergen. In Zukunft dürfte künstliche Intelligenz eine unterstützende Rolle übernehmen – etwa, indem sie auf tausende dokumentierte Operationen zurückgreift und den Operateur bei seltenen Situationen warnt oder Empfehlungen gibt. Doch bis dahin bleibt der Mensch der Steuermann.
Vier von sieben Kaderärztinnen und -ärzten am SRO haben sich inzwischen auf DEXTER ausbilden lassen. Das Training beginnt an Modellen, führt über virtuelle Lernplattformen bis zu Übungen in einem «Wetlab» – an narkotisierten Schweinen –, bevor echte Eingriffe am Menschen erfolgen.
Seit dem Sommer wurden rund 80 Operationen mit dem Roboter durchgeführt, hauptsächlich Leistenbruch-Eingriffe, zunehmend auch gynäkologische Operationen. Bis Ende Jahr sollen zwei ganze OP-Tage pro Woche mit DEXTER eingeplant sein.
Schweizer Pionierarbeit
DEXTER ist ein Spin-off-Produkt der EPFL in Lausanne und unterscheidet sich deutlich von etablierten internationalen Systemen. Der OP-Roboter ist kompakt, mobil und lässt sich flexibel in bestehende Operationssäle integrieren. Durch seine offene Architektur bleibt das System mit aktuellen und zukünftigen Technologien kompatibel – ein wichtiger Vorteil für Spitäler, die auf nachhaltige Investitionen setzen. Damit ist DEXTER für Regionalspitäler auch ökonomisch attraktiv.
Kinsbergen schmunzelt, wenn er auf das Ende der klinischen Evaluation blickt: «Den Roboter geben wir nicht mehr her – wir wollen ihn behalten.» Das SRO und Distalmotion prüfen derzeit, wie die Partnerschaft fortgeführt und der Einsatz von DEXTER in den chirurgischen Disziplinen der Gynäkologie und Allgemeinchirurgie weiter ausgebaut werden kann – mit dem Ziel, mehr Patientinnen und Patienten den Zugang zu den Vorteilen der robotisch-assistierten Chirurgie zu ermöglichen.
Für Distalmotion ist die Zusammenarbeit ein wertvoller Beitrag, um den Zugang zur robotischen Chirurgie in der Schweiz zu fördern und das System im klinischen Alltag kontinuierlich weiterzuentwickeln. Diese Partnerschaft zeigt zugleich, dass robotisch-assistierte Chirurgie auch ausserhalb universitärer Zentren erfolgreich etabliert werden kann.
Nach rund 80 Minuten ist die Leistenbruchoperation komplikationsfrei abgeschlossen. Thomas Kinsbergen steht auf, macht eine kurze Schlussbesprechung mit seinem Team, kontrolliert die letzten Handgriffe – dann verlässt er ruhig den Saal. Draussen wartet bereits der nächste Termin.
Die Vorteile zeigen sich schon nach wenigen Monaten: Dank Roboter DEXTER arbeiten die Operateure ergonomischer, sitzen entspannt statt stundenlang zu stehen – und können dank der 3D-Kameratechnologie mit Vergrösserung und räumlicher Sicht präziser operieren.
Wie wichtig ist der neue OP-Roboter fürs SRO und die Zukunft des hiesigen Spitalstandorts?
Jetzt das Interview lesen mit Spitaldirektor a.i. Rolf Hayoz auf my-la.ch: hier.
Schlagworte: Gesundheit, Gesundheitsversorgung, SRO, SRO AG