Titelgeschichte MYLA Juni 2026 – Mercerie Gullo
Mit Herz und Nadel
Wer die Mercerie Gullo kennt, kommt wieder. Und wer sie noch nicht kennt, entdeckt mitten in Langenthal ein Fachgeschäft, das heute selten geworden ist. Ein Ort für Wolle, Accessoires, Näharbeiten – und vor allem für persönliche Begegnungen.
Text: Patrick Jordi / Bilder: Dres Hubacher
Datum: 30. Mai 2026
Wer die Tür an der Lotzwilstrasse öffnet, steht mitten in einem schmalen Ladenraum, dessen Regale bis unter die Decke reichen. Wolle in allen Farben, sauber gestapelt, daneben Knöpfe, Nadeln, Reissverschlüsse, Zubehör – dicht an dicht, übersichtlich und mit System. Vorne die Theke, dahinter Imma und Vincenzo Gullo. Meist ist es Imma, die berät, erklärt, Mass nimmt oder rasch eine Lösung findet, während Vincenzo im Hintergrund vorbereitet, organisiert oder Hand anlegt. Viel Platz hat es nicht. Aber alles, was es braucht.
Seit über 15 Jahren führen die beiden die Mercerie gemeinsam – und stemmen den Betrieb zu zweit. Sie beraten, verkaufen, nähen, reparieren, organisieren. «Wir haben keine Zeit für Krach», sagen sie lachend. Ihre Zusammenarbeit wirkt eingespielt, ruhig, fast selbstverständlich. Wenn sie miteinander sprechen, dann auf Italienisch. Kurze Absprachen, ein Blick, ein Handgriff – und die Arbeit läuft weiter.
Dass sie einmal ein solches Geschäft führen würden, war nie geplant. Imma, gelernte Damenschneiderin, arbeitete viele Jahre in einem Modegeschäft in der Region – und war es auch, die regelmässig in der damaligen Mercerie Handschin Material einkaufte. Bei einer dieser Gelegenheiten kam die Frage auf, ob sie sich vorstellen könne, den Laden zu übernehmen. Vincenzo hingegen war von einer Entlassungswelle betroffen und musste sich beruflich neu orientieren. Gemeinsam gingen sie das Wagnis ein, überlegten während einer Ferienreise intensiv – und entschieden sich. Drei Monate später war alles geregelt. Am 1. Mai 2011 öffneten sie erstmals unter eigenem Namen.
Präzision statt Masse
Was folgte, entwickelte sich organisch. Schon in der ersten Woche fragten Kundinnen nach Wolle – also kam Wolle ins Sortiment. Heute prägt sie das Bild des Ladens. Gleichzeitig blieb die klassische Mercerie erhalten. Und etwas kam hinzu, das bis heute zentral ist: das Nähatelier. Der Ständer mit Aufträgen sei seit der Übernahme nie leer gewesen, erzählen sie. Änderungsarbeiten für Privatpersonen, aber auch für Geschäfte aus der Region – oft Einzelstücke, selten Serien. Präzision statt Masse.
Die Rollen sind klar verteilt. Imma näht, mit Routine und Tempo. Vincenzo bereitet vor, kümmert sich um das Technische und ist Spezialist für alles rund um Reissverschlüsse. Und er bringt eine weitere Kompetenz ein: Nähmaschinen. Als offizieller Vertreter von Pfaff und baby lock verkauft und revidiert er Maschinen, repariert Modelle verschiedenster Marken. Gerade seit ein Fachgeschäft in Langenthal geschlossen hat, sei die Nachfrage deutlich gestiegen. «Das ist ein wichtiger Teil unseres Geschäfts geworden», sagt er.
Was die Kundschaft besonders schätzt, ist die Haltung dahinter. Es geht nicht darum, möglichst viel zu verkaufen, sondern die passende Lösung zu finden. Oft ist das die einfachere, günstigere Variante. Ein Reissverschluss muss nicht immer komplett ersetzt werden – manchmal reicht ein neuer Schieber. «Wir prüfen zuerst, was wirklich nötig ist», sagt Imma. Diese Ehrlichkeit spricht sich herum.
Die Kundschaft kommt aus Langenthal und weit darüber hinaus: aus Herzogenbuchsee, Niederbipp, Richtung Luzern. Darunter sind längst nicht mehr nur ältere Frauen – sondern zunehmend auch jüngere Menschen und sogar Männer. Stricken – das bewährte «Lismen» – erlebt eine neue Beliebtheit. Socken, Schals, kleine Geschenke. Handarbeit ist wieder im Trend, und die Mercerie Gullo ist ein Ort, an dem dieser Trend konkret wird.
Gleichzeitig ist der Laden ein Gegenentwurf zur schnellen Mode. Online bestellte Kleidung bringe oft zusätzlichen Aufwand, erzählen die beiden – weil sie angepasst werden müsse. Auch das gehört heute zum Alltag. Die Antwort darauf ist dieselbe geblieben: persönliche Beratung, saubere Arbeit, Verlässlichkeit. Werbung machen sie kaum. «Unsere Werbung ist die Kundschaft», sagen sie. Mund-zu-Mund-Propaganda genügt.
Sie wohnen in Gehdistanz
Privat leben Imma und Vincenzo nur wenige Gehminuten entfernt, in einer Wohnung oberhalb der Mercedes-Garage an der Schulhausstrasse. Als sich bei der Besichtigung erstmals die Wohnungstür öffnete, war für beide sofort spürbar, dass dies ihr Zuhause werden könnte. Seit rund zehn Jahren wohnen sie nun dort. Gemeinsam haben sie zwei erwachsene Söhne.
Ihre italienischen Wurzeln sind geblieben, ebenso ihr Glaube: Beide sind Anhänger der Zeugen Jehovas, der Sonntagmorgen gehört ihrer Gemeinschaft. Und doch ist klar: Langenthal ist längst ihre Heimat geworden. «Das ist unser Dorf», sagen sie.
Heute sind beide offiziell pensioniert – Vincenzo seit einigen Jahren, Imma seit Herbst 2025. Die Öffnungszeiten wurden daher leicht reduziert, der Rhythmus etwas angepasst. Aufhören ist trotzdem kein Thema. Der Laden und die Arbeit gehören zu ihrem Leben. Gleichzeitig machen sie sich Gedanken über die Zukunft: Wenn sich eine geeignete Person finden würde – jemand mit Fachkenntnis, Engagement und dem gleichen Verständnis für den Laden –, wären sie bereit, die Mercerie mittelfristig in neue Hände zu geben. «Es müsste einfach passen», sagen sie. «Für beide Seiten.»
Bis dahin machen sie weiter. So, wie sie es seit über 15 Jahren tun: mit ruhiger Hand, viel Erfahrung und einem klaren Anspruch. Und mit einem Laden, der zeigt, was der Detailhandel in Langenthal sein kann, wenn er mit Herz geführt wird.
Oder, wie man es nach einem Besuch hier sagen würde: eine echte Perle.
Schlagworte: Gewerbe, Stadtzentrum
Ich finde die beiden super toll , sie haben mir schon manches löchli mit einem wunderschönen blüemli geflickt! Danke euch beiden!!
Die beiden sind toll. Super Beratung sehr professionell.
Herzlichen Dank an Imma und Vincenzo.
Liebe Grüsse Doris Rippl