Stadt Langenthal – Neue Finanzstrategie.

«Priorisieren, nicht kaputtsparen»

Der Gemeinderat will das strukturelle Defizit mit einer neuen Finanzstrategie langfristig in den Griff bekommen. Patrick Freudiger (Finanzen) erklärt, warum Investitionen gestaffelt erfolgen sollen – und weshalb das städtische Angebot trotz ausgabenseitiger Massnahmen vielfältig bleibt.

lo717_DSC1657 Kopie

Text: Patrick Jordi / Porträtbilder: Thomas Peter
Datum: 15. September 2025

Patrick Freudiger, wie beurteilen Sie die finanzielle Lage Langenthals?
Wir stehen auf den ersten Blick gut da – mit 69 Millionen Franken Bilanzüberschuss. Doch das Bild täuscht. Die laufenden Rechnungen sind im Minus, wir geben mehr aus als wir einnehmen. Jüngstes Beispiel: Die Jahresrechnung 2024 schloss mit einem Defizit von rund 2,2 Millionen ab. Gleichzeitig stehen bis 2030 Investitionen von brutto über 100 Millionen an, mit einem Höhepunkt 2026-28, etwa durch das Jahrhundertprojekt ESP Bahnhof. Besonders im baulichen Unterhalt gibt es einen grossen Nachholbedarf – die städtischen Liegenschaften leiden teilweise sichtbar. Der Selbstfinanzierungsgrad liegt gemäss Rechnung 24 bei nur rund 37 %, im aktuellen Budget noch tiefer. Wichtig ist, dass wir künftig realistisch planen und Investitionen auch wirklich umsetzen können. Ich finde zudem, wir müssen auch über Devestitionen nachdenken.

Eine neue Finanzstrategie soll nun für mehr Realismus und Verlässlichkeit sorgen? Wie genau?
Heute sind Investitionsplanung, Budget und Finanzierbarkeit nicht ausreichend aufeinander abgestimmt. Die neue Strategie soll helfen, politische Wünsche mit dem Machbaren zu verbinden. Sie zwingt uns zur kritischen Reflexion – etwa zur Frage: Können wir wirklich alle Ausgaben tragen, die wir beschliessen? Ins Gewicht fällt hier auch die Tatsache, dass bislang oft sehr defensiv budgetiert wurde – Ausgaben manchmal zu hoch, Einnahmen teils zu tief. Der Budgetprozess wurde teils schon in der Erwartung geführt, dass es nicht so schlimm sei, weil die Rechnung dann «besser» aussieht – obwohl wir real weiter ins Minus rutschen. Eine konsolidierte Strategie soll zusätzlich helfen, dass wir das ganze Jahr über akkurat planen.

Gab es für Sie einen Moment, der die Notwendigkeit einer neuen Finanzstrategie besonders deutlich gemacht hat?
Ja, gleich mehrere. Besonders prägend war die Abstimmung zu den Kindergärten – da war ich noch nicht im Gemeinderat. Wenn in einer Stadt neue Kindergärten abgelehnt werden, stimmt etwas Grundsätzliches im politischen Prozess nicht. Ich denke, es fehlte an Vertrauen. Auch das abgelehnte Budget 2023 war ein Schlüsselmoment. Es brauchte dann eine Variantenabstimmung für ein Budget 2023, und erst mit dem darauffolgenden Budget 2024 hiess die Stimmbevölkerung einen höheren Steuersatz von 1,44 Einheiten gut. Dieser «Spiessrutenlauf» veranschaulicht: Wir müssen den Leuten beweisen, dass wir Ausgaben disziplinieren. Einfach mehr Geld verlangen, ohne vorher die Hausaufgaben zu machen, funktioniert nicht.

Die Selbstfinanzierung liegt bei nur 37 %. Warum ist das problematisch?
Gesunde Gemeinden sollten Investitionen mittelfristig aus eigener Kraft finanzieren – ideal wären 100 %, weniger als 60 % sind ungenügend. In Langenthal kommen aber weniger als 40 Rappen pro investiertem Franken aus eigener Kraft, auch wegen unseren Defiziten – der Rest ist fremdfinanziert. Das bedeutet: Wir müssen Schulden aufnehmen, und das kostet Zinsen. Steigen die Zinsen, wird das schnell zur Belastung. Wir haben inzwischen wieder Nettoschulden – die Zeiten der Schuldenfreiheit sind vorbei. Das mindert unsere Handlungsfähigkeit.

Ein Teil früherer Investitionen wurde über die sogenannten Onyx-Millionen gedeckt. Ist dieses Vorgehen noch zeitgemäss?
Nein, jene komfortable Ausgangslage – vereinfacht gesagt: «Wir können es uns leisten» – haben wir heute nicht mehr. Zwar haben wir noch einen Bilanzüberschuss, aber die finanziellen Spielräume sind enger. Die dringend nötigen Sanierungen der Kindergärten und die Erweiterung des Schulhauses Hard, um nur zwei Beispiele zu nennen, müssen wir sicher umsetzen. Aber dafür braucht es heute klare Prioritäten und eine konsequente Ausrichtung an der Finanzstrategie. Die Ära der vielen Onyx-finanzierten «Leuchtturm-Projekte» ist leider vorüber.

Wie läuft die Erarbeitung der Finanzstrategie konkret ab – und wer ist beteiligt?
Der Gemeinderat hat den Auftrag erteilt, unterstützt von einer internen Projektsteuerung mit Stadtpräsident Reto Müller, Gemeinderätin Stefanie Barben, Stadtschreiber Marc Häusler und mir. Da die Stelle des Finanzverwalters bekanntlich erst per Oktober neu besetzt wird, arbeiten wir mit einer externen Projektleitung, die durch Michael Müller von Res Publica Consulting sichergestellt wird. Das entlastet die Verwaltung und bringt frische Perspektiven. Eingebunden sind zudem die Verwaltungsleitung, die Finanzkommission sowie die nicht-ständige Kommission «Konsolidierung Finanzpolitik», bestehend aus Stadträtinnen und Stadträten. Die Strategie wird Massnahmen definieren, wohl bis auf Stufe Stadtverfassung, hierbei wird auch die Bevölkerung eingebunden.

Was passiert in den angekündigten Workshops – und wann soll die Strategie stehen?
Bis Oktober führen wir voraussichtlich drei aufeinander aufbauende Workshops durch. Vor den Sommerferien wurden bereits breit Ideen gesammelt und Handlungsfelder definiert; nun werden Eckwerte festgelegt und daraus Massnahmen konkretisiert. Ziel ist, bis Ende 2025 eine konsolidierte Finanzstrategie zu erarbeiten, die wir anschliessend schrittweise umsetzen. Qualität geht dabei aber vor Tempo.

Müssen sich die Einwohnerinnen und Einwohner auf weniger Leistungen oder höhere Gebühren einstellen?
Es geht nicht darum, Leistungen im grossen Stil zu streichen oder Langenthal kaputtzusparen. Wir wollen vor allem Prozesse optimieren und Ausgaben gezielter einsetzen. Die Finanzstrategie soll auch keinen Gebührenhammer bringen. Dass eine Konzessionsabgabe auf Gas eingeführt werden soll, hat der Gemeinderat schon letzte Legislatur kommuniziert. Die Abwassergebühren konnten zuletzt übrigens sogar gesenkt werden.

Finanzstrategie hin oder her. Langenthal schreibt Defizite – bleibt das so?
Langfristig ist für mich klar, braucht es eine schwarze Null. Bisher galten vier Millionen Defizit als akzeptabel – das ist zu viel. Für 2026 bringen wir ein Budget mit 2,6 Millionen Defizit – halb so viel wie im letzten Finanzplan. Für 2030 ist ein Defizit von 1,3 Millionen vorgesehen. Gleichzeitig wollen wir 2026 mehr in den baulichen Unterhalt investieren, nämlich 2,5 statt «nur» 1,8 Millionen. Es zeigt: Auch unter Sparvorgaben wollen wir Prioritäten richtig setzen.

Was möchten Sie den Langenthalerinnen und Langenthalern zum Thema Stadtfinanzen noch mitgeben?
Wir können nicht dauerhaft mehr ausgeben, als wir einnehmen – das ist die zentrale Erkenntnis. Ja, es wird in den nächsten Jahren auch Einschränkungen geben. Nicht alles kann sofort realisiert werden, einige Projekte müssen warten. Aber Sparen heisst nicht Verzicht auf alles. Langenthal bleibt eine aktive Stadt mit breiter Angebotspalette, guten Schulen, einem lebendigen Vereinsleben und diversen kulturellen Möglichkeiten.

Gemeinderat Patrick Freudiger im Gespräch mit MYLA-Chefredaktor Patrick Jordi.

Hinterlassen Sie einen Kommentar




Verwandte Inhalte

Ähnliche News