Kleinstadt-Absurditäten

Wäre weniger mehr?

Die aktuelle Kolumne von Slam-Poet und Künstler Valerio Moser – aus dem Stadtmagazin MYLA, Ausgabe September 2025.

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Text: Kolumnist Valerio Moser
Datum: 11. September 2025

Das also ist er, lang erwartet, viel zu spät da und fast schon wieder um: der Sommer 2025!

Als Anwohner vom Wuhrplatz kann ich bestätigen, dass in unserem übersichtlichen Kleinstädtchen auch in diesem Sommer wieder einiges passiert ist.

Auf so viele Weisen wurde ich aus meinem Schönheitsschlaf gerissen. Mal, weil sich die ersten Trommler und Pfeifer nur wenige Stunden nach meiner zu-Bett-geh-Zeit wieder warm spielen mussten; mal, weil sich die zu-Bett-geh-Zeit angetrunkener Jugendlicher mit mobiler Boombox nicht ganz mit meiner deckt; und mal, weil eine Gitarre einen Sound-Check brauchte. Auf dem Wuhrplatz wurde getanzt, gelacht, gestritten, geknutscht; es wurden Getränke verschüttet, Karusselle aufgestellt, Pétanque-Kugeln über Kies gerollt und vor Freude geschrien, weil die Schweiz bei der Fussball-EM ins Viertelfinale einzog. Das ist Lebensqualität!

Der Wuhrplatz hat diesen Sommer wirklich gelebt. Und das, obwohl Sommer war! Und Ferien!

Sommerferien! Juhui!

Die Büros sind nur halb besetzt, die Leute, die noch in den Büros sitzen, sind nur halb motiviert, und trotzdem funktioniert alles irgendwie. Klar, manchmal muss man ein bisschen länger auf eine Antwort warten, und man muss wesentlich mehr Abwesenheitsmeldungen aus dem Posteingang löschen, aber auf dem Wuhrplatz, da lebt und tut es trotzdem, wie sonst selten im Jahr.

Und irgendwie ist das doch schön! Vielleicht müssen wir als Gesellschaft ja gar nicht so viel arbeiten, damit alles funktioniert. Vielleicht wäre auch im Winter mehr Gelassenheit gar nicht so lätz. Vielleicht kann man – auch wenn Schnee liegt – früher aus dem Büro. Wenn das im Sommer funktioniert, warum nicht sonst auch? Vielleicht bliebe dann für noch mehr Leute noch mehr Zeit dafür, etwas auf dem Wuhrplatz zu organisieren, damit ich auf noch kreativere Weisen aus meinem Schlaf gerissen werden kann!

Bevor es wieder kalt wird, werde ich wohl nur noch ein paar wenige Male in der Langete baden. Die wenigen Gelegenheiten werde ich jedenfalls nutzen, um mir genug Gelassenheit für den Winter aufzuladen.

Bild: Steve Zeidler / zvg

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