Burgergemeinde Langenthal
Zwei Gemeinden – zwei Rollen
Was unterscheidet die Burgergemeinde von der Einwohnergemeinde – und weshalb braucht Langenthal beides bis heute? Peter Siegrist, Burgerratspräsident, und Christina Thaler, Verwalterin der Burgergemeinde, erklären im Gespräch, wie historische Wurzeln, langfristige Verantwortung und konkrete Projekte wie die BurgerBühni bis heute Wirkung entfalten.
Text: Patrick Jordi / PR
Datum: 22. April 2026
Peter Siegrist, Christina Thaler: Beginnen wir ganz vorne. Was war in Langenthal eigentlich zuerst da – die Burgergemeinde oder die Einwohnergemeinde?
Peter Siegrist: Ganz klar die Burgergemeinde – auch wenn sie früher anders hiess. Die Wurzeln liegen in den alten Dorfgemeinschaften und Nutzungskooperationen der ansässigen Familien. Die Einwohnergemeinde, wie wir sie heute kennen, entstand erst im 19. Jahrhundert, als neue staatliche Aufgaben dazukamen und alle Einwohner politisch gleichgestellt wurden.
Warum brauchte es diese neue Einwohnergemeinde überhaupt?
Christina Thaler: Weil die Aufgaben explodierten: Schulwesen, Armenfürsorge, Strassenbau, später Wasser, Energie, Infrastruktur. Die neue Einwohnergemeinde hatte anfangs aber kaum eigenes Vermögen. Das gehörte grösstenteils der Burgergemeinde. Deshalb kam es in Langenthal zum Ausscheidungsvertrag von 1867, bei dem viele Güter an die Einwohnergemeinde übergingen.
Damit sind wir beim zentralen Unterschied: Worin unterscheiden sich Burger- und Einwohnergemeinde heute ganz konkret?
Peter Siegrist: Die Einwohnergemeinde ist die politische Gemeinde für alle, mit Steuerhoheit und klaren gesetzlichen Pflichtaufgaben. Die Burgergemeinde hingegen hat keine Steuerhoheit. Unsere Hauptaufgabe ist die Verwaltung des Burgerguts – also von Wald, Land und Liegenschaften – und die Verpflichtung, die Erträge daraus zum Wohl der Allgemeinheit einzusetzen.
Wie zeigt sich diese Rolle im Alltag?
Christina Thaler: Sehr praktisch: Wir finanzieren uns ausschliesslich aus Vermögenserträgen, etwa aus Baurechten auf Industrieland wie im Wolfhusenfeld oder aus dem Wald. Der Unterhalt unserer Wälder, Wege und Liegenschaften wird nicht mit Steuergeldern bezahlt. Gleichzeitig unterstehen wir denselben Kontrollen wie die Stadt – wir sind eine öffentlich-rechtliche Körperschaft mit klaren Vorgaben.
Historisch verlief die Vermögensaufteilung nicht reibungslos. Das Choufhüsi ist dafür ein bekanntes Beispiel.
Peter Siegrist: Ja, das stimmt. Als das Choufhüsi im Zuge der Ausscheidung an die Einwohnergemeinde überging, wollten die Burger ursprünglich nicht ausziehen. Die Burgerversammlung lehnte das zuerst ab. Erst nach langen Diskussionen einigte man sich darauf, ein lebenslanges Nutzungsrecht auszuhandeln – für Verwaltung, Sitzungen und Archiv.
Und dieses Recht gilt bis heute?
Christina Thaler: Ja. Heute sind wir im Erdgeschoss des Glaspalasts an der Jurastrasse untergebracht, Tür an Tür mit der Stadtverwaltung. Dieses Nutzungsrecht ist sogar im Grundbuch eingetragen. Das zeigt schön, wie aus einem Konflikt langfristig eine funktionierende Nähe entstanden ist.
Kommen sich Burger- und Einwohnergemeinde heute gelegentlich ins Gehege?
Peter Siegrist: Nein. Die Rollen sind klar. Wir haben einen regelmässigen Austausch mit dem Stadtpräsidenten und dem Gemeinderat, aber kaum operative Überschneidungen. Wenn wir uns begegnen, dann meist dort, wo wir gesellschaftliche und kulturelle Projekte mitfinanzieren oder unterstützen.
Ein zentrales kulturelles Engagement der Burgergemeinde ist die BurgerBühni. Was steckt dahinter?
Christina Thaler: Mit der BurgerBühni hat die Burgergemeinde Langenthal bewusst eine eigene Kulturförderplattform geschaffen. Seit 2022 ermöglichen wir Künstlerinnen und Künstlern aus Langenthal und der Region, ihr Talent in einem Wettbewerb zu zeigen und vor Publikum aufzutreten. Die BurgerBühni ist kein Nebenprojekt, sondern ein Leuchtturm: Wir wollen Kulturschaffenden eine Bühne bieten – nicht nur in der Musik, sondern auch in Bereichen wie Comedy, Spoken Word oder Performance.
Warum hat sich die Burgergemeinde entschieden, hier selbst aktiv zu werden und nicht nur bestehende Projekte zu unterstützen?
Peter Siegrist: Weil wir gemerkt haben, dass gezielte Förderung mehr bewirken kann als reine Beiträge. Die BurgerBühni ist Ausdruck unseres Selbstverständnisses: Wir investieren nicht nur Geld, sondern schaffen Strukturen. In Zusammenarbeit mit dem OldCapitol ist so eine Plattform entstanden, die Talente sichtbar macht, ihnen Auftrittsmöglichkeiten bietet und Langenthal als Kulturort stärkt.
Manche nehmen Burgergemeinden als elitär wahr. Wie sehen Sie das?
Peter Siegrist: Dieses Bild teilen wir nicht. Die Burgergemeinde Langenthal ist historisch stark im Bauernstand verankert und keineswegs aus einer städtischen Elite heraus entstanden. Heute zählen wir rund 380 Burgerinnen und Burger mit Wohnsitz in Langenthal, davon sind etwa 330 stimmberechtigt. Diese Stabilität verdanken wir gezielten Einburgerungen: Seit 2011 wurden über 200 Personen aufgenommen – bewusst ausgewählt, aber offen für Menschen, die mit Langenthal verbunden sind und Verantwortung mittragen wollen.
Welche Rechte haben Burgerinnen und Burger konkret?
Christina Thaler: Sie haben politische Mitbestimmung an der Burgerversammlung und können in den Burgerrat gewählt werden. Zudem gibt es den Burgernutzen von aktuell 100 Franken pro Jahr für in Langenthal wohnhafte Burgerinnen und Burger – verbunden mit einem geselligen Anlass. Pflichten gibt es an sich keine, ausser vielleicht das Interesse, Teil dieser Gemeinschaft zu sein und das Image zu pflegen.
Langenthal ist speziell: Es gibt hier zwei Burgergemeinden – Langenthal und Schoren. Weshalb?
Peter Siegrist: Weil Schoren bis 1898 eine eigene Einwohnergemeinde war. Als diese mit Langenthal fusionierte, blieb die Burgergemeinde Schoren als eigenständige Körperschaft bestehen. Das ist historisch konsequent und funktioniert bis heute gut. Beide Burgergemeinden sind autonom, der Austausch ist unkompliziert.
Zum Schluss: Wann hätte die Burgergemeinde Langenthal keine Berechtigung mehr?
Peter Siegrist: Wenn es keine aktiven Burgerinnen und Burger mehr gäbe. Solange Menschen Verantwortung übernehmen und wir unser Vermögen sorgfältig in die Zukunft tragen, gibt es keinen Grund für eine Auflösung. Unsere Aufgabe ist es, unspektakulär, aber gezielt für das Gemeinwohl zu wirken – damit Langenthal langfristig auf einem soliden Fundament steht.
Vielen Dank Ihnen beiden für das Gespräch.
Weiterführende Informationen:
www.bg-langenthal.ch/de/historisches-und-gesetzliches
www.burgerbühni.ch
Schlagworte: BurgerBühni, Burgergemeinde Langenthal