Titelstory MYLA September 2025.
Zwischen Kundenterminen und Kugelstossen
Vanessa Fust aus Lotzwil arbeitet bei der Raiffeisenbank Langenthal, gibt Montagstrainings in einer Langenthaler Physio-Praxis – und gehört gleichzeitig zur nationalen Spitze im Kugelstossen. Die 25-Jährige ist tief in der Region verwurzelt, leistungsbereit, ehrgeizig – aber immer mit Bodenhaftung.
Text: Patrick Jordi
Datum: 9. September 2025
«Ich brauche es, dass immer etwas läuft», sagt Vanessa Fust und lacht leise. Die 25-Jährige wirkt konzentriert, abgeklärt und doch völlig unkompliziert. Sie arbeitet 80 Prozent als Kundenberaterin bei der Raiffeisenbank Langenthal, hat ihre Ausbildung zur Fitnesstrainerin und Leistungssporttrainerin kürzlich abgeschlossen – und steht an der Spitze der Schweizer Kugelstossszene.
Mitte Juli hat sie erstmals die 16-Meter-Marke übertroffen: 16,03 Meter beim Spitzenmeeting in Luzern, persönliche Bestleistung, Platz zwei – nur vier Schweizer Kugelstosserinnen haben je weiter gestossen. «Das war eine schöne Entschädigung für die harte Arbeit», sagt sie. Die Erleichterung? Spürbar. Der Jubel? Still. «Ich mache vielleicht einen kleinen Hüpfer. Aber ich brauche keine grossen Gesten – ich freue mich mehr für mich selbst.»
Dass sie sich im Kugelstossen durchsetzen würde, war nicht vorgezeichnet. Vanessa wuchs mit zwei jüngeren Schwestern in Bützberg auf, die Eltern sportlich, die Mutter Läuferin, der Vater ehemaliger Handballspieler. Alle drei Töchter starteten früh in der Leichtathletik – Vanessa zeigte bald Schnellkraft und Technikgespür. «Ausdauer war nie meins», sagt sie schmunzelnd. Als Jugendliche trainierte sie bis zu sechs Mal pro Woche in der Leistungsgruppe der LV Langenthal.
Rückschläge, Routinen, Resultate
Mit 15 dann der Einschnitt: Ein gebrochener Lendenwirbel, vermutlich nach einer unglücklichen Weitsprunglandung. Operation, monatelange Pause. «Es hat sicher zwei Jahre gedauert, bis ich wieder auf dem alten Niveau war.» Die Sportlerin in ihr war da längst erwacht – aber auch die Pragmatikerin. «Als es um die Berufswahl ging, habe ich mich fürs KV entschieden. Das war ein guter Mittelweg.» Ihre Lehre absolvierte sie bei der UBS in Langenthal, arbeitete dort mehrere Jahre im Schalter- und Privatkundendienst. Seit 2024 ist sie nun bei der Raiffeisen – und sehr glücklich damit: «Es tut manchmal gut, etwas Neues zu machen.»
Was nach einem straffen Alltag klingt, ist für Vanessa längst Gewohnheit. An zwei Nachmittagen pro Woche hat sie frei, damit genug Zeit bleibt für Training, Kraftaufbau, Massagen und Regeneration. Sonntag ist Ruhetag. «Erholung ist fast wichtiger als das Training selbst», sagt sie. Bei bis zu sechs Einheiten pro Woche à zweieinhalb Stunden kommt einiges zusammen. Zusätzlich plant sie ihre Ernährung penibel – mit viel Poulet, Reis und Routine, um es etwas überspitzt darzustellen.
Starker Wurf, starker Rückhalt
Vanessa lebt seit Ende 2023 mit ihrem Partner in Lotzwil – beide sind aktive Mitglieder der LV Langenthal. «Man kann sich füreinander freuen oder auch mal trösten, wenn etwas nicht läuft», sagt sie. Privat mag sie es ruhig: gemütliche Wochenenden, Zeit mit Familie und Freunden. «Wenn unter der Woche so viel läuft, brauche ich keinen zusätzlichen Trubel.»
Als Nebenjob gibt sie jeweils montags zwei Trainings bei Liv Physio in Langenthal – ein kleines Herzensprojekt: «Mir ist es wichtig, dass Leute in Bewegung bleiben.» Ein Leben ganz ohne Sport kann sie sich kaum vorstellen. Auch wenn sie realistisch ist: Kugelstossen ist und bleibt eine Randsportart. «Ich verdiene keinen Rappen damit», sagt sie offen. «Das dämpft manchmal die Motivation. Aber ich mache es, weil es mir Freude macht – sonst würde es nicht funktionieren.»
Deshalb sind auch Sponsorings und Kooperationen wie jene mit dem Suter’s Stadt Café in Langenthal zentral: Dort werden derzeit «Biberli» verkauft, wovon ein Teil des Erlöses direkt an Vanessa geht – zur Deckung von Kosten für Wettkämpfe, Trainer, Trainingslager, Lizenzen und so weiter.
Blick nach vorn
Nach der 16-Meter-Marke ist vor der nächsten Hürde. Ihr Ziel: Die Qualifikation für die Europameisterschaften 2026 in Birmingham. «Ich bin guter Dinge, dass es damit klappt», sagt sie mit einem Lächeln.
Ihr Training ist inzwischen hoch spezialisiert. Seit drei Jahren setzt sie auf die sogenannte Drehstosstechnik – eine explosive Bewegung, bei der in weniger als fünf Sekunden alles stimmen muss. «Ich denke mir vor dem Stoss: Bleib einfach zu!» – gemeint ist die Hüfte, die im entscheidenden Moment noch geschlossen sein soll, um maximale Energie auf die Kugel zu übertragen. Viel Raum für Zweifel bleibt da nicht. «Wenn du zu viel nachdenkst, verkrampfst du dich», sagt sie.
Was bleibt, ist die Leidenschaft. Und ein starker Wille. «Ich sehe mich auch in Zukunft im Sport – sei es als Athletin oder als Trainerin. Aber ich brauche beides: den Sport und die Arbeit. Der Ausgleich ist mir wichtig.»
Gut zu wissen:
Dieser Artikel basiert auf Informationen, die bis und mit Anfang August 2025 bekannt waren. Über neue Entwicklungen zu Vanessas sportlichen Höhenflügen halten wir dich via Social Media auf dem Laufenden.
Schlagworte: Leichtathletik, MYLA Print, Persönlichkeiten, Portrait, Porträt